Waldrand und Waldmantel

Waldrand und Waldmantel

Kurztext Waldrand und Waldmantel


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Binnenwaldrand im Herbst entlang des Waldweges
Binnenwaldrand im Herbst entlang des Waldweges

An Ihrem Standort geht der Baumbestand des Waldes in südlicher Richtung allmählich in die offene Feldflur über. In westlicher Richtung durchschneidet ein Fahrweg den Baumbestand. Die Grenzlinie zwischen dem Wald und den unbewaldeten Lebensräumen bildet der Waldrand. Dabei wird zwischen den Waldaußenrändern, die den Übergang zur offenen Feldflur markieren, und den Waldinnenrändern entlang von Waldwegen, Bächen oder Lichtungen unterschieden.

Die meisten Waldränder sind durch menschliche Tätigkeiten entstanden und stellen daher typische Elemente der traditionellen Kulturlandschaft dar. In der Epoche der Jungsteinzeit (Neolithikum, in Mitteleuropa ab 5500 v. Chr.) begann der Mensch sesshaft zu werden. Voraussetzung für den allmählichen Wandel vom Sammler und Jäger hin zum Ackerbau und Viehzucht betreibenden Bauern war die Domestizierung von Wildtieren und Wildpflanzen. Dies geschah vor 12000 bis 10000 Jahren in Vorderasien im Gebiet des „Fruchtbaren Halbmondes“, einer Region, die sich von Jordanien bis in den Iran erstreckt und in der ohne künstliche Bewässerung Landwirtschaft möglich war.

Mit der Rodung von Wald zur Schaffung von unbewaldeten Flächen für den Anbau von Nutzpflanzen (v. a. Getreide) und später auch als Weideland für das Vieh, entstanden immer mehr Waldränder. Letztere stellen Saumbiotope dar, die einen großen Artenreichtum aufweisen, der mit dem „Grenzlinieneffekt“ zusammenhängt. Das bedeutet, dass hier nicht nur Arten des Waldes oder der angrenzenden freien Flur vorkommen, sondern auch Arten, die speziell den Waldrand als Lebensraum benötigen. Je nach Standortbedingungen und Platzangebot sind Waldränder sehr unterschiedlich ausgeprägt.


Ökologisch am wertvollsten ist ein stufig aufgebauter, reich strukturierter Waldrand. Er besteht aus drei Zonen, die möglichst ineinander verzahnt sind.

Von Ihrem Standort in südliche Richtung blickend, ist ein vornehmlich mit Lärchen bepflanzter Bereich (zukünftiger Wald) zu sehen, der im Osten an die offene Landschaft (gegenwärtig Getreidefeld) und im Norden an einen befestigten Waldweg grenzt. Ein aus Gräsern und Kräutern (z.B. Weißer Steinklee (Melilotus albus Medik.), Johanniskraut (Hypericum perforatum L.), Bärenklau (Heracleum sphondylium L.), Disteln (Cirsium spec.)) bestehender Saum geht in einen Strauchgürtel über. Letzterer wird hier durch Licht liebende Sträucher mit Beeren und oft mit Dornen (z.B. Holunder (Sambucus nigra L.), Schneeball (Viburnum opulus L.), Weißdorn (Crataegus spec.), Himbeere (Rubus idaeus L.)) sowie Lichtbaumarten (z.B. Eberesche (Sorbus aucuparia L.), Hainbuche (Carpinus betulus L.), Birke (Betula pendula Roth), Wildkirsche (Prunus avium L.)) gebildet.

Auf den Strauchgürtel folgt der Waldmantel, der aus den Randbäumen des Bestandes besteht. Durch den Wechsel der Licht- und Wärmeverhältnisse auf engstem Raum und ihren Strukturreichtum weisen die Waldränder eine hohe Vielfalt an Pflanzen- und Tierarten auf.

Die Saumgesellschaften der Waldränder werden in einer eigenen Klasse (Trifolio-Geranietea sanguinei: Mittelklee-Blutstorchschnabel-Saumgesellschaften) zusammengefasst. In der Natur wachsen Pflanzen nicht einzeln, sondern in typischen Pflanzengemeinschaften. Anhand von bestimmten Kenn- oder Charakterarten, die fast ausschließlich in einer bestimmten Vegetationseinheit vorkommen, erfolgt eine Einteilung in Klassen, Ordnungen, Verbänden oder Assoziationen.


Für blütenbesuchende Insekten, wie z.B. Wildbienen und Schmetterlinge, sind die am Saum wachsenden Dolden-, Korb-, Schmetterlingsblütler und die früh blühenden Sträucher wichtige Nahrungsquellen. Zu den typischen Tagschmetterlingen, die auch die im Inneren der Wälder befindlichen Ränder nutzen, zählen z.B. das Waldbrettspiel (Pararge aegeria L.), der Kleine Eisvogel (Limenitis camilla L.), der Kaisermantel (Argynnis paphia L.) und der seltene Kleine Schillerfalter (Apatura ilia D. & S.).

Das reiche Angebot an Insekten, Beeren und Nistplätzen führt dazu, dass die Vogeldichte des Waldrandes bis zu 10fach höher ist als im Waldinneren.

Besonders Vogelarten, die halboffene Landschaften bevorzugen (z.B. Dorngrasmücke (Sylvia communis Latham), Fitislaubsänger (Phylloscopus trochilus L.), Neuntöter (Lanius collurio L.), Goldammer (Emberiza citrinella L.) finden hier geeignete Bedingungen vor.

Für viele Pflanzen und Tiere, die in der intensiv bewirtschafteten Landschaft keine Lebensgrundlage mehr finden, sind Waldränder überlebenswichtige Rückzugsräume.

Unter den tierischen Bewohnern finden sich zudem unzählige Nützlinge (z.B. Fledermäuse, Ameisen, Schlupfwespen), die im angrenzenden Wald und auf den landwirtschaftlichen Flächen Schädlinge vernichten.


Gut aufgebaute Waldränder haben nicht nur eine erhebliche Bedeutung für den Biotop- und Artenschutz, sondern schützen den Wald auch vor Wind, Sturm und Sonne. Sie sind zusammen mit Feldgehölzen, Rainen und Bachtälern wichtige Elemente einer Biotop-vernetzung und bereichern das Landschaftsbild. Aufgrund seiner Vielgestaltigkeit, seines Formen- und Farbenreichtums im Wechsel der Jahreszeiten ist der Waldrand ein bevorzugter Ort der Erholung.

Da sich der Wald ohne menschliche Einwirkungen in die offene Landschaft hinein ausdehnen würde, stellt der Waldrand in der heutigen Zeit fast ausschließlich ein Kunstprodukt dar, das nur durch regelmäßige Pflegeeingriffe in einem stabilen Zustand gehalten werden kann.